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Kämpfen gemeinsam für den Dokumentarfilm (von links nach rechts): Michael Busch, Petra Felber, Harald Stocker, Katrin Jurschick und Doris Metz
Foto: Laura Krzikalla

Fachgruppe Rundfunk

Qualität statt Quote

Fachgruppe Rundfunk diskutiert über Zukunftsfragen des Dokumentarfilms

München, 19.11.2017

Digitalisierung, Formatierung, Finanzierung – es waren diese drei großen Worte, die im Laufe der Podiumsdiskussion „Hat der Dokumentarfilm noch Zukunft?“ immer wieder fielen. Denn die öffentlich-rechtlichen Sender geben sich laut ihren Kritikern zunehmend dem Quotendruck hin, passen ihr Programm immer mehr bestimmten Formaten an und investieren weniger Geld in aufwendige Produktionen.

Hinzu kommt, dass es für Filmschaffende noch nicht möglich ist, Dokumentarfilme über rein digitale Ausspielwege zu refinanzieren. Dabei machen Netflix und Co. vor, wie es gehen könnte – und werden damit zum größten Konkurrenten für das lineare Fernsehen.

Um der Frage auf den Grund zu gehen, lud die Fachgruppe Rundfunk zur Diskussion in die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Hier werden aktuell rund 120 Studenten ausgebildet; Oscarpreisträgerin Caroline Link oder Dokumentarfilmer Wim Wenders zählen zu ihren prominentesten Absolventen – ein symbolhafter Ort also für diese Gesprächsrunde.

Auf dem Podium diskutierten Petra Felber, Redaktionsleiterin Dokumentarfilm beim Bayerischen Rundfunk, Doris Metz, Dokumentarfilmerin, Vorstandsmitglied der AG DOK und Rundfunkrätin beim WDR, Prof. Katrin Jurschick, seit Oktober Inhaberin des Lehrstuhls für Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der HFF, sowie BJV-Vorsitzender und Medienrat Michael Busch. Harald Stocker, Vorsitzender der Fachgruppe Rundfunk, moderierte die Diskussion.

„Endlich mal in die Puschen kommen …“
Dokumentarfilmerin Doris Metz erinnerte zu Beginn der Diskussion an die Worte von Staatsministerin Monika Grütters, die beim Dokumentarfilm-Festival Dok Leipzig kürzlich betonte, dass gerade im Zeitalter digitaler Informationsflut der anspruchsvolle Dokumentarfilm unabdingbar und ein wichtiges Mittel in der demokratischen Debattenkultur sei. Der Dokumentarfilm verdiene mehr Wahrnehmung, mehr Wertschätzung und mehr Publikum (siehe auch Redeskript der Ministerin).„Das ist ein Aufruf an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, endlich mal ein bisschen in die Puschen zu kommen“, appelierte Doris Metz.

Kein Raum für den Dokumentarfilm
Denn in den vergangenen Jahren fielen Sendeplätze für Dokumentarfilme Strukturreformen der Öffentlich-Rechtlichen zum Opfer, teils wurden sie in Spartenkanäle „abgeschoben“. Für die freie, unformatierte Form des Dokumentarfilms scheint im Hauptprogramm kein Platz mehr zu sein. Katrin Jurschick von der HFF fügte hinzu: „Immer wieder ist die Rede von einer steigenden Komplexität der Welt, aber gleichzeitig laufen die Strategien im Fernsehen auf Vereinfachung und Emotionalisierung hinaus.“ Komplizierteren Formen wie dem Dokumentarfilm werde kein Raum mehr zugestanden. „Es heißt dann, das schaue ja eh keiner mehr.“

Metz kritisierte außerdem, dass Strukturreformen die falsche Lösung seien, um Zuschauer zurückzugewinnen. Das Hauptprogramm sei konzentriert auf Krimi, Talk und Sport – weil das eben noch gut läuft. „Da bleibt zu viel auf der Strecke. Man muss viel mutiger auf Qualität und Anspruch setzen.“

Die Öffentlich-Rechtlichen im Zwiespalt
BR-Redaktionsleiterin Petra Felber konnte die Kritik der Dokumentarfilmerinnen gut nachvollziehen und versicherte: „Der Dokumentarfilm ist eine unheimlich wichtige Form der gesellschaftlichen Verständigung. In meiner Position tue ich alles dafür, ihn gut auszustatten und zukunftsfähig zu halten.“

Aber ganz so einfach sei das nicht: „Zunehmend müssen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Existenz rechtfertigen in einer gesellschaftlichen Situation, in der die Medien zu einem Marktprodukt geworden sind.“ Eine gute Chance, um im Wettbewerb um die Zielgruppen zu bestehen, sieht sie in den Mediatheken. Der BR hat erst vor einigen Wochen seine Mediathek runderneuert.

Der BJV ist sich des Zwiespalts bewusst, in dem sich die Öffentlich-Rechtlichen befinden: Zum einen hieße es, der Rundfunk müsse sich trauen, gute Dokumentarfilme auch mal mit schlechten Quoten zu senden. Dann würden jedoch Stimmen laut, ohne Zuschauer könne man das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem doch abschaffen.

BJV-Landesvorsitzender Michael Busch stellte dazu auf dem Podium klar: Auch wenn viele Dokumentarfilme für Sparten gemacht werden, muss es Platz dafür geben. „Wir treten dafür ein, dass die Sendeplätze erhalten bleiben und Gelder an der richtigen Stelle eingesetzt werden.“

Innovatives Denken ist gefordert
Ein Finanzierungsdefizit sieht Metz bei digitalen Wegen der Ausstrahlung: „Solange eine Web-Serie so unterfinanziert ist, dass niemand davon leben kann, wird in diesem Bereich keine hohe Qualität möglich sein“, lautete ihr nüchternes Fazit. An das High End-Serien-Konzept von Netflix oder Amazon Prime angelehnte Produktionen gebe es bisher nur im fiktionalen Bereich.

Innovative Lösungen wie zum Beispiel anspruchsvolle Dokumentarserien? Fehlanzeige. Wie überall lautet das Problem: Im Fernsehen fehlen Sendeplätze, für Online-Formate die Finanzierung. Metz fordert: „High End muss bedeuten, dass man weiterdenkt und dem Genre entsprechend eine Veränderung anstrebt.“

Doch bis es soweit sei, stünden noch viele Gespräche zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und der AG DOK bevor – über Budgets, Sendeplätze und innovative Formen. Metz sprach von „zähen Verhandlungen“. Immerhin waren sich auf dem Podium alle in einem Punkt einig: Damit der Dokumentarfilm überlebt, müssen sie gemeinsam kämpfen.

Laura Krzikalla

Wahl des Fachgruppenvorstands Rundfunk
Im Anschluss an die Diskussionsrunde wählten die Mitglieder der Fachgruppe Rundfunk einen neuen Vorstand.

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