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Satellitenbilder, „Fire Map“ und selbst TikTok liefern Beweise

08.04.2022

Blick in den Zuschauerraum und auf das Podium

Rund 20 Kolleg*innen besuchten die Diskussionsrunde im Presseclub München

Das BJV-Podium „Fotografie: Wahr oder falsch?“ hat mit dem Ukrainekrieg an trauriger Aktualität gewonnen. Expert*innen erklären, wie sich Fotos und Videos verifizieren lassen

Die Kriegsgräuel von Butscha erschüttern und schockieren weltweit. Gleichzeitig versucht Russland die Deutungshoheit in den sozialen Medien darüber zu erlangen, was dort passiert sei.

Das Kreml-Narrativ: Als russische Truppen die Stadt am 30. März verließen, seien alle Bewohner*innen der Stadt am Leben gewesen. Die Leichen seien keine, es handle sich um Leichendarsteller. Beweise soll ein Video liefern, in dem angeblich ein Toter die Hand hebt und sich ein anderer Körper wieder aufrichtet.

Russisches Narrativ aus Butscha entlarvt
Faktenchecks unabhängiger Medien, unter anderem des #Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks, entlarvten die Behauptung rasch als „Fake News“. Ein Fleck auf der Autoscheibe und eine Spiegelbildverzerrung verursachten optische Täuschungen. Weiteres Bildmaterial wurde herangezogen, um das russische Narrativ zu entkräften. Satellitenaufnahmen vom 18. März belegten, dass auch schon zu jenem Zeitpunkt tote Körper auf der Straße lagen.

Eigentlich hatte der Bezirksverband München – Oberbayern des Bayerischen Journalisten-Verbands (BJV) die Podiumsdiskussion „Fotografie: Wahr oder falsch? Bilder im Röntgenblick“ bereits für Februar 2020 geplant, damals machte Sturm Sabine einen Strich durch die Rechnung. Jetzt, mehr als zwei Jahre später, hatte das Thema an Aktualität nicht verloren, ganz im Gegenteil, wie das Beispiel aus Butscha zeigt.

Bilder lassen sich fälschen und manipulieren
Bilder und Videos spielten für die Dokumentation und Beweisführung eine immer wichtigere Rolle, können aber auch mit relativ simplen Mitteln gefälscht und manipuliert werden, führte Jürgen Schleifer, Redakteur Landespolitik beim Bayerischen Rundfunk, zum Thema hin. Das habe man in Trumps Wahlkampf gesehen, das sehe man jetzt im Ukrainekrieg. Schleifer moderierte den Abend.

Auf dem Podium diskutierten Rechtsanwalt und BJV-Geschäftsführer Dennis Amour, Dr.-Ing. Christian Riess, Gruppenleiter für Multimediasicherheit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, Janina Lückoff, Leiterin des #Faktenfuchs-Teams von BR24 sowie Lea Weinmann, Digital-Volontärin bei der Süddeutschen Zeitung. Die SZ dokumentiert unter anderem anhand von Beispielen, welche Taten belegbar als Kriegsverbrechen gelten könnten und warum.

Vom Umgang als Faktenchecker mit dem Grauen
Doch vorneweg: Wie umgehen mit den Gräueln, mit denen man bei einer solchen Dokumentation konfrontiert wird? „Im Moment, in dem man diese Bilder sieht und sie journalistisch verarbeiten muss, schaltet man in den Verwaltungs- und Arbeitsmodus um“, sagte Weinmann.

Ohne eine gewisse Distanz wäre man hier nicht arbeitsfähig. Gleichzeitig müsse man abschalten, Pausen machen, das Handy auch einmal bewusst einen Tag weglegen – und dann eben wieder weitermachen. „Es ist auch keine Lösung, die Bilder nicht anzuschauen“, betonte die Volontärin.

Methode der Geolokalisierung
Beim Verifizieren arbeitet das Redaktionsteam häufig mit der Methode der Geolokalisierung, um etwa herauszufinden, wo ein Bild oder Video aufgenommen wurde und was genau darauf zu sehen ist. Für den Artikel „Wo Putins Truppen stehen“ griffen die Redakteur*innen auf Satellitenbildern, aber auch auf TikTok-Videos zurück, die angeblich Menschen in Zügen auf dem Weg Richtung Grenze zeigten und glichen die Videos mit Fotos ab. Unterstützung erhalte man bei solchen Dokumentationen durch unglaublich viele Open-Source-Rechercheur*innen, erzählte Weinmann.

Karte erfasst aktive Feuer auf Erdoberfläche
Und noch ein Beispiel: Als die SZ-Redaktion checken wollte, was an der Behauptung dran sei, dass die Militärjunta Ende 2021 im Norden von Myanmar eine Stadt angegriffen habe, die dann in Flammen aufgegangen sei, lieferte unter anderem die Karte „Fire Map“ der NASA Beweise. Diese erfasst aktive Feuer auf der Erdoberfläche, die dann als roter Punkt auf der Karte angezeigt werden. Belegt werden konnte damit, dass es in der Stadt mehrere Male und über einen längeren Zeitraum gebrannt hatte.

Tools, die Wetterdaten nachrechnen können
Beim #Faktenfuchs des BR wird laut Janina Lückoff bei der Foto- und Video-Verifizierung mit Tools wie der Bilderrückwärtssuche, Datenbanken, Webarchiven oder auch Anwendungen, die zum Beispiel Wetterdaten nachrechnen können, gearbeitet.

Und nicht selten geht es vor allem auch darum, sehr genau hinzuschauen. Als ihr Team checken wollte, ob ein Foto schutzsuchender Menschen tatsächlich in einer U-Bahnstation in Charkiw aufgenommen wurde, gelang die Verifizierung über ein Reiseportal im Netz, das die (einstmals) schönsten U-Bahnstationen der Stadt vorstellte.

„Deep Fakes“: Bedrohung mit deutlichen Grenzen
Auf das Thema „Deep Fakes“ ging zudem Multimedia-Forensiker Christian Riess ein. So richtig definieren lasse sich der Begriff eigentlich nicht. Es handle sich letztendlich um weitestgehend automatisierte, computergenerierte oder computermanipulierte Bild- oder Videodaten, typischerweise von Personen.

Das sei zwar ein Hypethema gewesen, die Bedrohung aber schätzt Riess als nicht so groß ein – das Erzeugen sei aufwändig, teuer, zeit- und personalintensiv; gleichzeitig seien Szenen stark eingeschränkt.

„Am Ende geht es um Glaubwürdigkeit“
„Fake News“ als unabhängige Medien Fakten entgegenzusetzen ist das eine, rechtliche Aspekte sind ein anderes“. Juristisch sei allgemeinen Falschbehauptungen laut BJV-Geschäftsführer Dennis Amour kaum entgegenzutreten, so sie sich nicht auf juristische Personen beziehen oder volkshetzerischen Charakter haben. „Man kann sie leider nicht untersagen. Deshalb ist es so tragisch, dass man sie ertragen muss“, erklärte Amour.

Er betonte aber auch, dass Verifikation vor allem ein ethisches Thema über den Pressekodex sei. Am Ende gehe es um Glaubwürdigkeit und um ein klares Gegenangebot seriöser Medien zu nicht überprüften Bildern, die es in sozialen Netzwerken zuhauf gebe.

Michaela Schneider

Weitere Informationen
(zusammengestellt von Thomas Mrazek):

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