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Wo geht's hin mit dem Lokalrundfunk in Bayern? Darüber diskutierten (von links nach rechts): Harald Stocker, Walter Keilbart, Ulrike Gote, Martina Fehlner und Michael Busch
Foto: Maria Goblirsch

Fachgruppe Rundfunk

„Die Vielfalt leidet als erstes, wenn Personal abgebaut wird!“

BJV-Diskussion zur Zukunft des Lokalrundfunks

Nürnberg, 05.07.2017

„Vielfalt ist die Existenzberechtigung für den lokalen Rundfunk. Wenn ich keine Vielfalt bei den Meinungen und in den Medien habe, dann brauche ich auch keinen Lokaljournalismus mehr. Weil ich dann alles über einen Kamm scheren kann“, sagte Ulrike Gote, Medienrätin und Vizepräsidentin des Bayerischen Landtags.

Die Abgeordnete der Grünen hat in ihrer langjährigen Tätigkeit im Medienrat der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) beobachtet, dass es zwar immer mehr Ausspielwege und viel mehr Diversifizierung, etwa beim Angebot der einzelnen Sender, gibt. Aber auch, dass die Konzentration bei den lokalen Anbietern erheblich zugenommen hat und sich immer mehr Monopole bilden.

Die Änderung des Bayerischen Mediengesetzes (BayMG) sei in diesem Zusammenhang ein Fehler gewesen, da damit Fusionen oder Beteiligungen von Zeitungshäusern an lokalen Sendern erheblich erleichtert worden seien, stellte Gote bei einer BJV-Podiumsdiskussion fest. Denn nun müsste diese Konzentration der Medien nicht präventiv, sondern erst im Nachhinein gemeldet werden.

Die Fachgruppe Rundfunk hatte am Dienstagabend aus Anlass der Lokalrundfunktage in das Nürnberger Literaturhaus eingeladen, um die Zukunft des Lokalrundfunks in Bayern zu erörtern. „Gibt es noch eine Zukunft mit Vielfalt?“, lautete die zentrale Frage.

Auf dem Podium diskutierten neben Ulrike Gote der Vorsitzende des Medienrates, Walter Keilbart, die Landtagsabgeordnete und Medienrätin Martina Fehlner (SPD) und der BJV-Vorsitzende Michael Busch, der seit einigen Wochen den Verband im Medienrat der BLM vertritt. Es moderierte Harald Stocker,Wissenschaftsjournalist undVorsitzender der Fachgruppe Rundfunk im BJV.

Wenn es keine eigenständige Lokalzeitung mehr gibt
Heute gibt es in Bayern 89 private Hörfunksender und 18 lokale Fernsehstationen mit zusammen etwa 2300 Mitarbeitern. Dazu kommen Sparten- und Zuliefererangebote, sowie landesweite Hörfunk- und Fernsehsender. Dank DAB+ und Internet ist auch die Zahl der Ausspielwege gestiegen. Doch bedeutet diese nominelle Größe auch, dass vom Inhalt her genügend Vielfalt geboten wird? Daran äußerten die Podiumsgäste Zweifel.

Wenn im ländlichen Raum keine eigenständige Lokalzeitung mehr existiert und ein gemeinsamer „Mantel“ überall die gleichen Inhalte bietet, müsse die Politik wachsam sein, betonte Martina Fehler. Die Parlamentarierin arbeitete 20 Jahre lang als Redakteurin und Moderatorin beim Funkhaus Aschaffenburg, ehe sie 2013 in den bayerischen Landtag wechselte.

„Die Lokal- und Regionalsender stellen die Öffentlichkeit ihrer Heimat her. Gerade in unserer schnelllebigen und digitalisierten Welt gibt dieses Gefühl des Lokalen den Menschen Sicherheit und das Gefühl der Verwurzelung in ihrer Heimatregion“, sagte Fehlner. Dazu leisteten die lokalen Medien, egal ob Tageszeitung oder lokaler Sender. einen entscheidenden Anteil.

Fehlner: Wir brauchen gut ausgebildete und unabhängige Journalisten
Das duale System in Bayern mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf der einen und den privaten Sendern auf der anderen Seite hat sich nach Fehlners Überzeugung bewährt. Aber auch die lokalen Radio- und TV-Anbieter hätten den Auftrag zu gutem Journalismus auf allen Ebenen. Darauf müsse die Politik hinwirken.

„Qualität im Journalismus zahlt sich langfristig aus und wird auch zu mehr Werbeerlösen führen“, betonte die Medienrätin. Dazu brauche es freilich gut ausgebildete und unabhängige Journalisten, die auch gut bezahlt werden.

Dauer-Förderung ist nicht die Lösung
Handwerkliches Können und guter Journalismus reichen nach Überzeugung des Medienrats-Vorsitzenden Walter Keilbart nicht aus, um beim Zuhörer oder Zuschauer anzukommen. „Sie müssen sich heute vom Mainstream abheben, sich dem Nutzer eigenständiger präsentieren, um sich im Wettbewerb durchzusetzen“, sagte er.

Eine Dauerförderung von Programmen ohne Verbesserung der Qualität lehnte Keilbart, der die Industrie- und Handelskammern im Medienrat vertritt, entschieden ab. Diese Zuschüsse seien „der langsame Tod“ manchen Senders.

Qualität muss sich auch bei der journalistischen Arbeit lohnen, Anerkennung und Wertschätzung für gute Arbeit seien im lokalen Rundfunk wichtiger als Fördergelder. „Wie schaffen wir es wieder, Journalisten gute Arbeit zu geben, von der sie auch leben können?“, fragte der Wirtschaftsexperte. Hier könne man über verschiedene Finanzierungsmodelle reden.

Medienkompetenz muss einen höheren Stellenwert haben
Der BJV-Vorsitzende Michael Busch erkläre in der Diskussion, der Verband prüfe die unterschiedlichen Modelle kritisch. Die entscheidende Frage sei dabei, ob Stiftungsmodelle noch einen unabhängigen und freien Journalismus gewährleisten könnten. Oder ob an den Geldfluss nicht doch Bedingungen geknüpft würden und so ein „‚embedded‘ Journalismus im Sinn des Sponsors“ entstehe.

Busch hob in der Diskussion um die Vielfalt im Lokalrundfunk die Bedeutung einer guten Ausbildung hervor. „In vielen Funkhäusern sind Volontäre heute nichts anderes mehr als billige Arbeitskräfte. Sie werden eingestellt, sitzen schon am zweiten Tag am Mikrofon und nehmen Aufgaben von Redakteuren wahr“, kritisierte er.

Einig waren sich die Medienrätinnen und Medienräte auf dem Podium auch in einer anderen Frage: Medienkompetenz und -Bildung müsse einen höheren Stellenwert haben. An den Schulen müsse endlich das Fach Medienkunde gelehrt werden. Lehrkräfte sollten externe fachliche Unterstützung durch Journalisten erhalten, wenn es um die Inhalte geht. Für viele Jugendliche sei Facebook ein Nachrichtenkanal, sagte Martina Fehlner.

Aber auch bei den erwachsenen Nutzern gelte es, klarzumachen, wo qualifizierter Journalismus stattfindet und welche Nachrichten aus vertrauenswürdigen Quellen stammten. Hier sei die Politik gefragt, das Thema Medienkompetenz rasch und intensiv voranzubringen.

Maria Goblirsch

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